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RiemannscheFlaechen/08.tex
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\chapter{Komplexwertige Differenzialformen auf $ℂ$}
\label{chap:8}
\section{Elementare Definitionen}
Wir betrachten im Folgenden $ℂ$ mit den üblichen Koordinatenfunktionen $z = x +
iy$.
\begin{definition}[Komplexer Kotangentialraum von $ℂ$]\label{def:8-1-1}%
Es sei $ℰ = ℰ^{(0)}$ die Garbe der komplex-wertigen $𝒞^∞$-Funktionen. Gegeben
ein Punkt $p ∈ ℂ$, betrachten wir Funktionskeime
\[
m_p² ⊆ m_p ⊆ ℰ_p,
\]
wobei
\begin{align*}
m_p & := \text{Funktionskeime, die bei $p$ Nullstelle haben} \\
m²_p & := \text{Linearkombinationen von Produkten $f · g$ mit $f,g ∈ m_p$}
\end{align*}
und den $n$-\emph{komplexen Kotangentialraum}\index{Kotangentialraum!komplex}
von $ℂ$ am Punkt $p$:
\[
T_p^* ℂ = m_p \big/ m_p².
\]
\end{definition}
\sideremark{Vorlesung 12}
\begin{lemma}
In der Situation aus Definition~\ref{def:8-1-1} ist $\dim_{ℂ} T_p^* ℂ = 2$.
\end{lemma}
\begin{proof}
Eine Basis ist $[x - p_x], [y - p_y]$. Eine andere Basis ist
\[
\underbrace{[x - p_x] + i\,[y - p_y]}_{= [x + iy - (p_x + ip_y)] = [z - p]},
\quad
\underbrace{[x - p_x] - i\,[y - p_y]}_{= [\bar{z} - \bar{p}]}.
\]
\end{proof}
\begin{fakt}
In der Situation aus Definition~\ref{def:8-1-1} sei $f ∈ ℰ_p$. Dann ist
\begin{align*}
[f - f(p)]
&= \frac{∂ f}{∂ x}(p)\,[x - p_x]
+ \frac{∂ f}{∂ y}(p)\,[y - p_y] \\
&= \frac{1}{2}\left(\frac{∂ f}{∂ x}(p)
- i\,\frac{∂ f}{∂ y}(p)\right)[z - p]
+ \frac{1}{2}\left(\frac{∂ f}{∂ x}(p)
+ i\,\frac{∂ f}{∂ y}(p)\right)[\bar{z} - \bar{p}] \\
&= \frac{∂ f}{∂ z}(p)\,[z - p]
+ \frac{∂ f}{∂ \bar{z}}(p)\,[\bar{z} - \bar{p}].
\end{align*}
\qed
\end{fakt}
\begin{definition}[Komplexwertige Differenzialform]
Sei $U ⊂ ℂ$ offen. Eine \emph{komplexwertige
Differenzialform}\index{Differenzialform!komplexwertig 1.~Ordnung} 1.~Ordnung
auf $U$ ist eine Abbildung
\[
η : U → \dot{\bigcup_{p ∈ U}} m_p \big/ m_p²,
\]
sodass für jeden Punkt $p ∈ U$ die Inklusion $η(p) ∈ m_p / m_p²$ gilt.
\end{definition}
\begin{bsp}[Äußere Ableitung]
Es sei $U ⊂ ℂ$ offen und $f ∈ ℰ(U)$. Dann ist die Form
\[
df : U → \dot{\bigcup_{p ∈ U}} m_p \big/ m_p²,
\quad
p ↦ [f - f(p)]
\]
eine komplexwertige Differenzialform.
\end{bsp}
\begin{beobachtung}
Die komplexwertigen Differenzialformen 1.~Ordnung auf $U$ bilden einen Modul
über dem Ring $ℰ(U)$. Es gilt
\[
df
= \frac{∂ f}{∂ x}\,dx + \frac{∂ f}{∂ y}\,dy
= \frac{∂ f}{∂ z}\,dz + \frac{∂ f}{∂ \bar{z}}\,d\bar{z}.
\]
\end{beobachtung}
\begin{definition}[Komplexwertige $𝒞^∞$-Formen 1.~Ordnung]
Eine komplexwertige Differenzialform 1.~Ordnung $η$ auf $U$ heißt
$𝒞^∞$\index{Differenzialform!komplexwertig 1.~Ordnung!$𝒞^∞$ }, wenn sie
lokal geschrieben werden kann als
\[
η = \sum f_i\,dg_i \qquad \text{mit } f_i,\, g_i ∈ ℰ.
\]
\end{definition}
\begin{beobachtung}
Die komplexwertigen $𝒞^∞$-Differentialformen 1.~Ordnung bilden eine Garbe
(sogar eine $ℰ$-Modulgarbe), genannt $ℰ^{(1)}$.
\end{beobachtung}
\section{Exakte Sequenzen durch äußere Ableitung}
Wir haben Garben $ℰ$, $ℰ^{(1)}$ und eine interessante Sequenz
\begin{equation}\label{eq:dolbeault-d}
0 → \underline{ℂ} → ℰ \xrightarrow{d} ℰ^{(1)}.
\end{equation}
Das wirft natürlich Fragen auf.
\begin{enumerate}
\item\label{il:8-1-8-2} Wie geht die Sequenz~\eqref{eq:dolbeault-d} weiter?
\item\label{il:8-1-8-3} Wissen wir etwas über die Feinstruktur der
Sequenz~\eqref{eq:dolbeault-d}?
\end{enumerate}
\subsection{Zur Frage~\ref*{il:8-1-8-3}: Feinstruktur der Sequenz~\eqref{eq:dolbeault-d}}
Wir haben schon gesehen: Ich kann jeden Schnitt von $ℰ^{(1)}$ schreiben als
\[
f_1·dz + f_2·d\bar{z}, \qquad \text{wobei } f_1,\, f_2 ∈ ℰ.
\]
Definiere Untergarben:
\begin{align*}
ℰ^{1,0} & \quad … \quad \text{Differenzialformen der Form } f_1 · dz, \\
ℰ^{0,1} & \quad … \quad \text{Differenzialformen der Form } f_2 · d\bar{z}.
\end{align*}
Dann ist für jede offene Menge $U ⊆ X$
\[
ℰ^{(1)}(U) = ℰ^{1,0}(U) ⊕ ℰ^{0,1}(U),
\]
und für alle $f ∈ ℰ^{(1)}(U)$ ist
\[
df = \underbrace{∂ f}_{\frac{∂ f}{∂ z}\,dz}
+ \underbrace{\bar{∂} f}_{\frac{∂ f}{∂ \bar{z}}\,d\bar{z}}.
\]
Man schreibt Sequenz~\eqref{eq:dolbeault-d} deshalb als
\[
0 → \underline{ℂ} → ℰ \xrightarrow{d = ∂ + \bar{∂}} ℰ^{1,0} ⊕ ℰ^{0,1} = ℰ^{(1)}.
\]
Man beachte die interessante Untersequenz
\[
0 → 𝒪_{ℂ} \longrightarrow ℰ \xrightarrow{\bar{∂}} ℰ^{0,1}.
\]
\begin{bemerkung}[Achtung!]
Holomorphe Differenzialformen sind vom Typ $ℰ^{1,0}$ (holomorphe
Differenzialform: $f·dz$ mit $f$ holomorph), aber nicht jede Differenzialform
vom Typ $ℰ^{𝒞^∞,1,0}$ ist holomorph. Zum Beispiel ist die komplexwertige
Differenzialform
\[
\sin(\bar{z}) · (x² + y²) · dz
\]
vom Typ $ℰ^{1,0}$ aber ganz sicher nicht holomorph.
\end{bemerkung}
\subsubsection*{Zur Frage~\ref*{il:8-1-8-3}: Differenzialformen 2.~Ordnung}
\begin{erinnerung}[Lineare Algebra]
Sei $T$ ein komplexer Vektorraum. Dann:
\begin{align*}
T^* &= \text{Linearformen} = \text{lineare Abb. } T → ℂ, \\
T^* ⊗ T^* &= \text{Bilinearformen}, \\
Λ² T^* &= \text{alternierende Bilinearformen}.
\end{align*}
Gegeben Linearformen $α, β ∈ T^*$, dann erhalten wir eine Bilinearform
\[
α ⊗ β\colon T ⨯ T → ℂ,
\quad
(\vec{v}_1, \vec{v}_2) ↦ α(\vec{v}_1) · β(\vec{v}_2)
\]
und eine alternierende Bilinearform
\[
α Λ β = α ⊗ β - β ⊗ α.
\]
\begin{itemize}
\item Jede Bilinearform ist $ℂ$-Linearkombination von Bilinearformen vom
Produkt-Typ. Ditto für alternierende Bilinearformen.
\item Wenn $\dim T = 2$, dann ist $\dim Λ² T^* = 1$. Gegeben Basis $α, β ∈
T^*$, dann ist $α Λ β$ Basis von $Λ² T^*$.
\end{itemize}
\end{erinnerung}
\begin{kons}
Gegeben $p ∈ ℂ$, betrachte $Λ²(T_p^*\,ℂ)^*$. Dies ist ein 1-dimensionaler
$ℂ$-Vektorraum. Eine Basis ist $dx Λ dy$. Eine andere Basis ist $dz Λ
d\bar{z}$. \qed
\end{kons}
\begin{definition}[Komplexwertige Differenzialform 2.~Ordnung]
Eine komplexwertige Differenzialform
2.~Ordnung\index{Differenzialform!komplexwertig 2.~Ordnung} auf offener einer
Menge $U ⊂ ℂ$ ist eine Abbildung
\[
η : U → \dot{\bigcup_{p ∈ U}} Λ²(T_p^*\,ℂ)^*,
\]
sodass für jeden Punkt $p ∈ U$ die Inklusion $η(p) ∈ Λ²(T_p^*\,ℂ)^*$
gilt.
\end{definition}
\begin{bsp}
Gegeben $f, g ∈ ℰ(U)$, dann ist $(df) Λ (dg)$ eine 2-Form.
\end{bsp}
\begin{definition}[Komplexwertige $𝒞^∞$-Differenzialform 2.~Ordnung]
Eine komplexwertige 2-Form heißt $𝒞^∞$\index{Differenzialform!komplexwertig
2.~Ordnung!$𝒞^∞$}, wenn sie lokal von der Form $\sum f_i · (dg_i) Λ (dh_i)$
ist, mit $f_i, g_i, h_i ∈ ℰ$.
\end{definition}
\begin{beobachtung}
Die 2-Formen bilden eine $ℰ$-Modulgarbe, genannt $ℰ^{(2)}$. Jeder Schnitt ist
von der Form
\[
f(z) · dz Λ d\bar{z}
\quad\text{beziehungsweise}\quad
g(z) · dx Λ dy,
\qquad \text{mit } f, g ∈ ℰ.
\]
\end{beobachtung}
\begin{prop}[Äußere Ableitung]\label{prop:8-1-16}%
Es gibt auf dem Raum $ℂ$ genau einen Garbenmorphismus $d¹ : ℰ^{(1)} →
ℰ^{(2)}$, sodass Folgendes gilt:
\begin{enumerate}
\item\label{il:8-1-16-1} Die Sequenz
\[
0 → \underline{ℂ} → ℰ \xrightarrow{d⁰} ℰ^{(1)} \xrightarrow{d¹} ℰ^{(2)} → 0
\]
ist ein Komplex. Mit anderen Worten: Es ist $d¹ ◦ d⁰ = 0$.
\item Leibniz-Regel: Für jede $1$-Form $η$ und jede Funktion $f$ gilt
$d¹(fη) = (d⁰f)Λ η + f\,(d¹η)$.
\end{enumerate}
\end{prop}
\begin{proof}
Wir beweisen zunächst die Eindeutigkeit. Gegeben eine $1$-Form $η$, schreibe
\[
η = f_1(z)\,d⁰z + f_2(z)\,d⁰\bar z.
\]
Dann gilt nach der Leibniz-Regel die Gleichheit
\begin{align}
\label{eq:8-1-16-3} d¹(η) &= (d⁰f_1)Λ d⁰z + f_1\,\underbrace{d¹d⁰z}_{=0} + (d⁰f_2)Λ d⁰\bar z + f_2\,\underbrace{d¹d⁰\bar z}_{=0} \\
\label{eq:8-1-16-4} & = (d⁰f_1)Λ d⁰z + (d⁰f_2)Λ d⁰ \bar z.
\end{align}
Dadurch ist $d¹(η)$ eindeutig festgelegt. Um die Existenz zu zeigen, nehme
man \eqref{eq:8-1-16-3}--\eqref{eq:8-1-16-4} als Definition und rechne nach,
dass die Eigenschaften gelten.
\end{proof}
\begin{erinnerung}[Erweiterte Erinnerung aus der Analysis]
Wenn $U ⊂ ℂ$ sternförmig ist, dann ist
\[
d¹(U) : ℰ^{(1)}(U) → ℰ^{(2)}(U)
\]
surjektiv und $\img\bigl(d⁰(U)\bigr)=\ker\bigl(d¹(U)\bigr)$. Die Sequenz
$(x)$ ist eine exakte Sequenz von Garben.
\end{erinnerung}
\begin{konsequenz}
Die Sequenz~\ref{il:8-1-16-1} ist exakt.
\end{konsequenz}
\begin{proof}
Es gibt eine Basis der Topologie aus sternförmigen Mengen.
\end{proof}
\begin{notation}
Die Abbildung $d¹$ aus Proposition~\ref{prop:8-1-16} heißt \emph{äußere
Ableitung}\index{äußere Ableitung}. Sei $U⊂ ℂ$ offen. Eine $1$-Form $η ∈
ℰ^{(1)}(U)$ heißt \emph{geschlossen}\index{geschlossene Differentialform},
wenn $d¹(η)=0$ ist. Sie heißt \emph{exakt}\index{exakte Differenzialform},
wenn es ein $f∈ ℰ(U)$ gibt mit $η=df$.
\end{notation}
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