% spell checker language \selectlanguage{german} \chapter{Komplexe Zahlen} \section{Konstruktion, Notation und elementare Eigenschaften} \sideremark{Vorlesung 1} In der Vorlesung „Analysis I“ haben Sie Funktionen $f : ℝ → ℝ$ diskutiert. In der Vorlesung „Funktionentheorie“ diskutieren wir Funktionen $f : ℂ → ℂ$. Damit alle auf demselben Stand sind, wiederhole ich in aller Kürze die wesentlichen Begriffe zu den komplexen Zahlen. \begin{konstruktion}[Konstruktion der komplexen Zahlen] Wir definieren auf der reellen Ebene $ℝ²$ zwei Abbildungen (oder: „Operationen“): \begin{align*} + : ℝ² ⨯ ℝ² &→ ℝ², & \begin{pmatrix} x_1 \\ y_1 \end{pmatrix}, \begin{pmatrix} x_2 \\ y_2 \end{pmatrix} &↦ \begin{pmatrix} x_1 + x_2 \\ y_1 + y_2 \end{pmatrix} \\ · : ℝ² ⨯ ℝ² &→ ℝ², & \begin{pmatrix} x_1 \\ y_1 \end{pmatrix}, \begin{pmatrix} x_2 \\ y_2 \end{pmatrix} &↦ \begin{pmatrix} x_1 x_2 - y_1 y_2 \\ x_1 y_2 + x_2 y_1 \end{pmatrix} \end{align*} \end{konstruktion} \begin{erinnerung}[Komplexe Zahlen] Das Tripel $ℂ := (ℝ², +, ·)$ ist ein Körper, den wir als „Körper der komplexen Zahlen\index{komplexe Zahlen}“ bezeichnen. Für das neutrale Element der Addition/Multiplikation gilt: \[ 0_ℂ = \begin{pmatrix} 0 \\ 0 \end{pmatrix}, \quad 1_ℂ = \begin{pmatrix} 1 \\ 0 \end{pmatrix}. \] Die Menge der invertierbaren Elemente wird mit $ℂ^*$ bezeichnet, $ℂ^* = ℂ ∖ \{0_ℂ \}$. \end{erinnerung} \subsection{Notation} \begin{erinnerung}[Reelle Zahlen als Teilmenge der komplexen Zahlen] Die Abbildung \[ ι : ℝ → ℂ, \quad x ↦ \begin{pmatrix} x \\ 0 \end{pmatrix} \] ist ein Körpermorphismus. Das bedeutet: Für alle $z_1, z_2 ∈ ℂ$ gilt: \[ ι(z_1 + z_2) = ι(z_1) + ι(z_2) \quad\text{und}\quad ι(z_1 · z_2) = ι(z_1) · ι(z_2). \] Weiter gilt: $ι(1) = 1$ und $ι(0) = 0$. Weil die Abbildung $ι$ injektiv ist, identifiziert man die reellen Zahlen häufig mit der Bildmenge von $ι$, nämlich der $x$-Achse in $ℝ²$, und fasst $ℝ$ als Teilmenge von $ℂ$ auf. \end{erinnerung} \begin{notation} Man bezeichnet die $x$-Achse als „reelle Achse“\index{reelle Achse}, die $y$-Achse als „imaginäre Achse“\index{imaginäre Achse}. Das Element $\begin{pmatrix} 0 \\ 1 \end{pmatrix}$ wird mit $i$ bezeichnet. Statt $z = \begin{pmatrix} x \\ y \end{pmatrix}$ schreibe kurz $z = x + iy$. Dabei nenne $x$ den „Realteil von $z$“\index{Realteil} und $y$ den „Imaginärteil von $z$“\index{Imaginärteil}. Die Schreibweisen $x = \operatorname{Re}(z)$ und $y = \operatorname{Im}(z)$ sind üblich. \end{notation} \subsection{Betrag und Argument} \begin{notation}[Betrag einer komplexen Zahl] \index{Betrag}Die euklidische Norm auf $ℂ$ wird mit $|·|$ bezeichnet. Für eine komplexe Zahl $z = x + y·i$ nennt man $|z|$ den „Betrag von $z$“. Es gilt $|z| = \sqrt{x² + y²}$. \end{notation} \begin{bemerkung}[Betrag eines Produkts] Für alle $z_1, z_2 ∈ ℂ$ gilt: $|z_1 · z_2| = |z_1| · |z_2|$. \end{bemerkung} \begin{bemerkung}[Dreiecksungleichung] Für alle $z_1, z_2 ∈ ℂ$ gilt: $|z_1 + z_2| ≤ |z_1| + |z_2|$. \end{bemerkung} \begin{notation}[Argument einer komplexen Zahl] \index{Argument}Für komplexe Zahlen $z ∈ ℂ^*$ bezeichnet man den Winkel zwischen der $x$-Achse und der Achse $z·ℝ$ als das „Argument“ von $z$. Die Schreibweise $\arg z$ ist üblich. \end{notation} \begin{beobachtung}[Darstellung von komplexen Zahlen durch Betrag und Argument] Sei $z ∈ ℂ^*$. Dann ist \[ z = |z| · \begin{pmatrix} \cos (\arg z) \\ \sin (\arg z) \end{pmatrix}. \] \end{beobachtung} \begin{beobachtung}[Darstellung Argument des negierten] Sei $z ∈ ℂ^*$. Dann ist \[ \arg (-z) = π + \arg z. \] \end{beobachtung} \subsection{Geometrische Bedeutung der Körperoperationen} Es ist per Definition klar, dass die Addition im Körper $ℂ$ einfach die Vektoraddition der $ℝ²$ ist. Um die Bedeutung der Multiplikation zu verstehen, sei $z ∈ ℂ^*$ irgendeine Zahl, mit Betrag $λ := |z|$ und Argument $α := \arg z$. Man rechne man nach, dass die Multiplikationsabbildung \[ m_z : ℂ → ℂ, \quad \begin{pmatrix} x \\ y \end{pmatrix} ↦ z · \begin{pmatrix} x \\ y \end{pmatrix} \] gleich der Abbildung \[ \begin{pmatrix} x \\ y \end{pmatrix} ↦ λ·\begin{pmatrix} \cos α & - \sin α \\ \sin α & \cos α \end{pmatrix} · \begin{pmatrix} x \\ y \end{pmatrix} \] ist. Dies ist eine Drehstreckung. \begin{merke}[Multiplikation ist Drehstreckung] Multiplikation einer komplexen Zahl $w$ mit $z ∈ ℂ^*$ bedeutet: Drehe $w$ um den Winkel $α = \arg z$ und strecke das Ergebnis um den Faktor $λ = |z|$. \end{merke} \begin{kons}[Multiplikation zweier komplexer Zahlen] Gegeben komplexe Zahlen $z_1, z_2 ∈ ℂ$, dann ist $|z_1 · z_2| = |z_1| · |z_2|$. Falls $z_1$ und $z_2 ∈ ℂ^*$ sind, gilt $\arg (z_1 · z_2) = \arg (z_1) + \arg (z_2)$. \end{kons} \begin{merke}[Multiplikation zweier komplexer Zahlen] Man multipliziert zwei komplexe Zahlen, indem man die Beträge multipliziert und die Argumente addiert. \end{merke} \begin{merke}[Division zweier komplexer Zahlen] Man dividiert zwei komplexe Zahlen, indem man die Beträge dividiert und die Argumente subtrahiert. \end{merke} \begin{merke}[Multiplikatives Inverses] Man invertiert eine komplexe Zahl, indem man den Betrag invertiert und das Argument negiert. \end{merke} \subsection{Konjugation} \begin{notation}[Konjugation] Die Spiegelung an der reellen Achse, \[ τ : ℂ → ℂ, \quad \begin{pmatrix} x \\ y \end{pmatrix} ↦ \begin{pmatrix} x \\ -y \end{pmatrix} \] wird als „Konjugation“ bezeichnet\index{Konjugation}. Anstelle von $τ(z)$ ist die Schreibweise $\overline{z}$ üblich. \end{notation} \begin{erinnerung}[Konjugation als Körpermorphismus] Komplexe Konjugation ist ein Körpermorphismus. Das bedeutet: Für alle $z_1, z_2 ∈ ℂ$ gilt: \[ \overline{z_1 + z_2} = \overline{z_1} + \overline{z_2} \quad\text{und}\quad \overline{z_1 · z_2} = \overline{z_1} · \overline{z_2}. \] Weiter gilt: $\overline{0} = 0$ und $\overline{1} = 1$. \end{erinnerung} \begin{erinnerung}[Allererste Eigenschaften der Konjugation] Sei $z ∈ ℂ$. Dann gilt Folgendes. \begin{itemize} \item Die Gleichung $\overline{z} = z$ gilt genau dann, wenn $z ∈ ℝ$ ist. \item Es ist $|z| = |\overline{z}|$ und $\arg \overline{z} = - \arg z$. \item Es ist $\operatorname{Re}(z) = \frac{z + \overline{z}}{2}$ und $\operatorname{Im}(z) = \frac{z - \overline{z}}{2i}$. \item Es ist $z·\overline{z} = |z|²$. \item Falls $z ∈ ℂ^*$ ist, so ist $\overline{z^{-1}} = \overline{z}^{-1}$. \end{itemize} \end{erinnerung} \subsection{Geometrische Bedeutung des multiplikativen Inversen} Gegeben eine komplexe Zahl $z ∈ ℂ^*$, so kann man das multiplikative Inverse von $z$ mithilfe der Konjugation leicht ausrechnen. Es ist nämlich \[ \frac{1}{z} = \frac{\overline{z}}{\overline{z}·z} = \frac{\overline{z}}{|z|²} = \overline{z/|z|²}. \] Aber was bedeutet das anschaulich? \begin{erinnerung}[Spiegelung am Einheitskreis] Die Abbildung \[ ℝ² ∖ \{0\} → ℝ² ∖ \{0\}, \quad z ↦ \frac{z}{|z|²} \] heißt „Spiegelung am Einheitskreis“\index{Spiegelung am Einheitskreis}. Die Spiegelung am Einheitskreis lässt das Argument unverändert und invertiert den Betrag. \end{erinnerung} \begin{merke}[Multiplikatives Inverses] Man invertiert eine komplexe Zahl, indem man am Einheitskreis spiegelt und konjugiert (=an der $x$-Achse spiegelt). \end{merke} \subsection{Geometrische Bedeutung des Quadrierens} Nach der vorhergehenden Diskussion ist klar, was die Abbildung $q : ℂ → ℂ$, $z ↦ z²$ geometrisch macht: \begin{itemize} \item Der Betrag wird quadriert. \item Argument wird verdoppelt. \end{itemize} Aus dieser Beschreibung ergibt sich sehr schnell, dass jede komplexe Zahl eine Quadratwurzel besitzt. \begin{kons}[Existenz von Quadratwurzeln] Jede komplexe Zahl hat eine Quadratwurzel. \end{kons} \begin{proof} Gegeben eine Zahl $z ∈ ℂ$. Falls $z = 0$ ist, dann ist $w := 0$ eine Quadratwurzel von $z$. Ansonsten sei $λ := |z|$ und $α := \arg z$. Weiter sei $w ∈ ℂ^*$ die Zahl mit Betrag $\sqrt{λ}$ und Argument $α/2$. Mit dieser Wahl ist $w² = z$, die Zahl $w$ ist also eine Quadratwurzel von $z$. \end{proof} Quadratwurzeln sind natürlich nicht eindeutig, denn wenn $w$ eine Quadratwurzel von $z$ ist, dann ist $-w$ ebenfalls eine Quadratwurzel. \begin{kons}[Surjektivität der Quadrat-Abbildung] Die Abbildung $q : ℂ → ℂ$, $z ↦ z²$ ist surjektiv, aber nicht injektiv. Es ist $q^{-1}(0) = \{0\}$. Jede andere Faser von $q$ enthält genau zwei Punkte, die sich exakt um das Vorzeichen unterscheiden. \qed \end{kons} Aber Achtung! Obwohl jede komplexe Zahl eine Quadratwurzel besitzt, gibt es keine stetige Wurzelfunktion! Das folgende Lemma zeigt, dass es nicht einmal auf der Teilmenge $ℂ^* ⊂ ℂ$ eine stetige Wurzelfunktion geben kann. \begin{lem}[Nichtexistenz einer stetigen Wurzelfunktion] Es sei $w: ℂ^* → ℂ^*$ eine Funktion, sodass für alle $z ∈ ℂ^*$ gilt: $w(z)² = z$. Dann ist die Abbildung $w$ nicht stetig. \end{lem} \begin{proof} Sei eine Funktion $w$ gegeben. Wir argumentieren mit Widerspruch und nehmen an, dass die Funktion $w$ stetig sei. Dann ist aber die Funktion \[ f : ℂ^* → ℂ^*, \quad z ↦ w(z²)/z \] aber ebenfalls stetig. Per Annahme gilt nun aber für jedes $z ∈ ℂ^*$ die Gleichung $w(z²)² = z²$. Das bedeutet: die komplexen Zahlen $w(z²)$ und $z$ unterscheiden sich nur um ein Vorzeichen. Also nimmt die stetige Funktion $f$ nur die Werte $± 1$ an. Weil $f$ stetig und $ℂ^*$ zusammenhängend ist, muss $f$ also konstant sein. Auf der anderen Seite gilt für jedes $z ∈ ℂ^*$ die Gleichung \[ f(-z) = \frac{w((-z)²)}{-z} = \frac{w(z²)}{-z} = - f(z), \] also ist $f$ doch nicht konstant! \end{proof} % !TEX root = LineareAlgebra2