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\chapter{Komplexe Zahlen}
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\section{Konstruktion, Notation und elementare Eigenschaften}
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\sideremark{Vorlesung 1}In der Vorlesung „Analysis I“ haben Sie Funktionen $f :
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ℝ → ℝ$ diskutiert. In der Vorlesung „Funktionentheorie“ diskutieren wir
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Funktionen $f : ℂ → ℂ$. Damit alle auf demselben Stand sind, wiederhole ich in
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aller Kürze die wesentlichen Begriffe zu den komplexen Zahlen.
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\begin{konstruktion}[Konstruktion der komplexen Zahlen]
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Wir definieren auf der reellen Ebene $ℝ²$ zwei Abbildungen (oder:
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„Operationen“):
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\begin{align*}
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+ : ℝ² ⨯ ℝ² &→ ℝ², & \begin{pmatrix} x_1 \\ y_1 \end{pmatrix}, \begin{pmatrix} x_2 \\ y_2 \end{pmatrix} &↦ \begin{pmatrix} x_1 + x_2 \\ y_1 + y_2 \end{pmatrix} \\
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· : ℝ² ⨯ ℝ² &→ ℝ², & \begin{pmatrix} x_1 \\ y_1 \end{pmatrix}, \begin{pmatrix} x_2 \\ y_2 \end{pmatrix} &↦ \begin{pmatrix} x_1 x_2 - y_1 y_2 \\ x_1 y_2 + x_2 y_1 \end{pmatrix}
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\end{align*}
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\end{konstruktion}
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\begin{erinnerung}[Komplexe Zahlen]
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Das Tripel $ℂ := (ℝ², +, ·)$ ist ein Körper, den wir als „Körper der komplexen
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Zahlen\index{komplexe Zahlen}“ bezeichnen. Für das neutrale Element der
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Addition/Multiplikation gilt:
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\[
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0_ℂ = \begin{pmatrix} 0 \\ 0 \end{pmatrix}, \quad
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1_ℂ = \begin{pmatrix} 1 \\ 0 \end{pmatrix}.
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\]
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Die Menge der invertierbaren Elemente wird mit $ℂ^*$ bezeichnet, $ℂ^* = ℂ ∖
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\{0_ℂ \}$.
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\end{erinnerung}
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\subsection{Notation}
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\begin{erinnerung}[Reelle Zahlen als Teilmenge der komplexen Zahlen]
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Die Abbildung
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\[
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ι : ℝ → ℂ, \quad x ↦ \begin{pmatrix} x \\ 0 \end{pmatrix}
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\]
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ist ein Körpermorphismus. Das bedeutet: Für alle $z_1, z_2 ∈ ℂ$ gilt:
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\[
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ι(z_1 + z_2) = ι(z_1) + ι(z_2)
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\quad\text{und}\quad
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ι(z_1 · z_2) = ι(z_1) · ι(z_2).
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\]
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Weiter gilt: $ι(1) = 1$ und $ι(0) = 0$. Weil die Abbildung $ι$ injektiv ist,
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identifiziert man die reellen Zahlen häufig mit der Bildmenge von $ι$, nämlich
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der $x$-Achse in $ℝ²$, und fasst $ℝ$ als Teilmenge von $ℂ$ auf.
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\end{erinnerung}
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\begin{notation}
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Man bezeichnet die $x$-Achse als „reelle Achse“\index{reelle Achse}, die
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$y$-Achse als „imaginäre Achse“\index{imaginäre Achse}. Das Element
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$\begin{pmatrix} 0 \\ 1 \end{pmatrix}$ wird mit $i$ bezeichnet. Statt $z =
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\begin{pmatrix} x \\ y \end{pmatrix}$ schreibe kurz $z = x + iy$. Dabei nenne
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$x$ den „Realteil von $z$“\index{Realteil} und $y$ den „Imaginärteil von
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$z$“\index{Imaginärteil}. Die Schreibweisen $x = \operatorname{Re}(z)$ und $y
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= \operatorname{Im}(z)$ sind üblich.
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\end{notation}
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\subsection{Betrag und Argument}
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\begin{notation}[Betrag einer komplexen Zahl]
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\index{Betrag}Die euklidische Norm auf $ℂ$ wird mit $|·|$ bezeichnet. Für
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eine komplexe Zahl $z = x + y·i$ nennt man $|z|$ den „Betrag von $z$“. Es
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gilt $|z| = \sqrt{x² + y²}$.
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\end{notation}
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\begin{bemerkung}[Betrag eines Produkts]
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Für alle $z_1, z_2 ∈ ℂ$ gilt: $|z_1 · z_2| = |z_1| · |z_2|$.
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\end{bemerkung}
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\begin{bemerkung}[Dreiecksungleichung]
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Für alle $z_1, z_2 ∈ ℂ$ gilt: $|z_1 + z_2| ≤ |z_1| + |z_2|$.
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\end{bemerkung}
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\begin{notation}[Argument einer komplexen Zahl]
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\index{Argument}Für komplexe Zahlen $z ∈ ℂ^*$ bezeichnet man den Winkel
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zwischen der $x$-Achse und der Achse $z·ℝ$ als das „Argument“ von $z$. Die
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Schreibweise $\arg z$ ist üblich.
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\end{notation}
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\begin{beobachtung}[Darstellung von komplexen Zahlen durch Betrag und Argument]
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Sei $z ∈ ℂ^*$. Dann ist
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\[
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z = |z| · \begin{pmatrix} \cos (\arg z) \\ \sin (\arg z) \end{pmatrix}.
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\]
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\end{beobachtung}
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\begin{beobachtung}[Darstellung Argument des negierten]
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Sei $z ∈ ℂ^*$. Dann ist
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\[
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\arg (-z) = π + \arg z.
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\]
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\end{beobachtung}
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\subsection{Geometrische Bedeutung der Körperoperationen}
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Es ist per Definition klar, dass die Addition im Körper $ℂ$ einfach die
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Vektoraddition der $ℝ²$ ist. Um die Bedeutung der Multiplikation zu verstehen,
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sei $z ∈ ℂ^*$ irgendeine Zahl, mit Betrag $λ := |z|$ und Argument $α := \arg z$.
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Man rechne man nach, dass die Multiplikationsabbildung
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\[
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m_z : ℂ → ℂ, \quad \begin{pmatrix} x \\ y \end{pmatrix} ↦ z · \begin{pmatrix} x \\ y \end{pmatrix}
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\]
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gleich der Abbildung
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\[
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\begin{pmatrix} x \\ y \end{pmatrix} ↦ λ·\begin{pmatrix} \cos α & - \sin α \\ \sin α & \cos α \end{pmatrix} · \begin{pmatrix} x \\ y \end{pmatrix}
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\]
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ist. Dies ist eine Drehstreckung.
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\begin{merke}[Multiplikation ist Drehstreckung]
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Multiplikation einer komplexen Zahl $w$ mit $z ∈ ℂ^*$ bedeutet: Drehe $w$ um
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den Winkel $α = \arg z$ und strecke das Ergebnis um den Faktor $λ = |z|$.
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\end{merke}
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\begin{kons}[Multiplikation zweier komplexer Zahlen]
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Gegeben komplexe Zahlen $z_1, z_2 ∈ ℂ$, dann ist $|z_1 · z_2| = |z_1| ·
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|z_2|$. Falls $z_1$ und $z_2 ∈ ℂ^*$ sind, gilt $\arg (z_1 · z_2) = \arg (z_1)
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+ \arg (z_2)$.
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\end{kons}
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\begin{merke}[Multiplikation zweier komplexer Zahlen]
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Man multipliziert zwei komplexe Zahlen, indem man die Beträge multipliziert
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und die Argumente addiert.
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\end{merke}
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\begin{merke}[Division zweier komplexer Zahlen]
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Man dividiert zwei komplexe Zahlen, indem man die Beträge dividiert und die
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Argumente subtrahiert.
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\end{merke}
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\begin{merke}[Multiplikatives Inverses]
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Man invertiert eine komplexe Zahl, indem man den Betrag invertiert und das
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Argument negiert.
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\end{merke}
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\subsection{Konjugation}
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\begin{notation}[Konjugation]
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Die Spiegelung an der reellen Achse,
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\[
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τ : ℂ → ℂ, \quad \begin{pmatrix} x \\ y \end{pmatrix} ↦ \begin{pmatrix} x \\ -y \end{pmatrix}
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\]
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wird als „Konjugation“ bezeichnet\index{Konjugation}. Anstelle von $τ(z)$ ist
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die Schreibweise $\overline{z}$ üblich.
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\end{notation}
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\begin{erinnerung}[Konjugation als Körpermorphismus]
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Komplexe Konjugation ist ein Körpermorphismus. Das bedeutet: Für alle $z_1,
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z_2 ∈ ℂ$ gilt:
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\[
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\overline{z_1 + z_2} = \overline{z_1} + \overline{z_2}
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\quad\text{und}\quad
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\overline{z_1 · z_2} = \overline{z_1} · \overline{z_2}.
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\]
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Weiter gilt: $\overline{0} = 0$ und $\overline{1} = 1$.
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\end{erinnerung}
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\begin{erinnerung}[Allererste Eigenschaften der Konjugation]
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Sei $z ∈ ℂ$. Dann gilt Folgendes.
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\begin{itemize}
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\item Die Gleichung $\overline{z} = z$ gilt genau dann, wenn $z ∈ ℝ$ ist.
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\item Es ist $|z| = |\overline{z}|$ und $\arg \overline{z} = - \arg z$.
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\item Es ist $\operatorname{Re}(z) = \frac{z + \overline{z}}{2}$ und
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$\operatorname{Im}(z) = \frac{z - \overline{z}}{2i}$.
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\item Es ist $z·\overline{z} = |z|²$.
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\item Falls $z ∈ ℂ^*$ ist, so ist $\overline{z^{-1}} =
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\overline{z}^{-1}$.
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\end{itemize}
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\end{erinnerung}
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\subsection{Geometrische Bedeutung des multiplikativen Inversen}
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Gegeben eine komplexe Zahl $z ∈ ℂ^*$, so kann man das multiplikative Inverse von
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$z$ mithilfe der Konjugation leicht ausrechnen. Es ist nämlich
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\[
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\frac{1}{z} = \frac{\overline{z}}{\overline{z}·z} = \frac{\overline{z}}{|z|²} = \overline{z/|z|²}.
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\]
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Aber was bedeutet das anschaulich?
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\begin{erinnerung}[Spiegelung am Einheitskreis]
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Die Abbildung
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\[
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ℝ² ∖ \{0\} → ℝ² ∖ \{0\}, \quad z ↦ \frac{z}{|z|²}
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\]
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heißt „Spiegelung am Einheitskreis“\index{Spiegelung am Einheitskreis}. Die
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Spiegelung am Einheitskreis lässt das Argument unverändert und invertiert den
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Betrag.
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\end{erinnerung}
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\begin{merke}[Multiplikatives Inverses]
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Man invertiert eine komplexe Zahl, indem man am Einheitskreis spiegelt und
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konjugiert (=an der $x$-Achse spiegelt).
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\end{merke}
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\subsection{Geometrische Bedeutung des Quadrierens}
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Nach der vorhergehenden Diskussion ist klar, was die Abbildung $q : ℂ → ℂ$, $z ↦
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z²$ geometrisch macht:
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\begin{itemize}
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\item Der Betrag wird quadriert.
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\item Argument wird verdoppelt.
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\end{itemize}
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Aus dieser Beschreibung ergibt sich sehr schnell, dass jede komplexe Zahl eine
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Quadratwurzel besitzt.
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\begin{kons}[Existenz von Quadratwurzeln]
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Jede komplexe Zahl hat eine Quadratwurzel.
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\end{kons}
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\begin{proof}
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Gegeben eine Zahl $z ∈ ℂ$. Falls $z = 0$ ist, dann ist $w := 0$ eine
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Quadratwurzel von $z$. Ansonsten sei $λ := |z|$ und $α := \arg z$. Weiter
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sei $w ∈ ℂ^*$ die Zahl mit Betrag $\sqrt{λ}$ und Argument $α/2$. Mit dieser
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Wahl ist $w² = z$, die Zahl $w$ ist also eine Quadratwurzel von $z$.
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\end{proof}
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Quadratwurzeln sind natürlich nicht eindeutig, denn wenn $w$ eine Quadratwurzel
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von $z$ ist, dann ist $-w$ ebenfalls eine Quadratwurzel.
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\begin{kons}[Surjektivität der Quadrat-Abbildung]
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Die Abbildung $q : ℂ → ℂ$, $z ↦ z²$ ist surjektiv, aber nicht injektiv. Es
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ist $q^{-1}(0) = \{0\}$. Jede andere Faser von $q$ enthält genau zwei Punkte,
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die sich exakt um das Vorzeichen unterscheiden. \qed
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\end{kons}
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Aber Achtung! Obwohl jede komplexe Zahl eine Quadratwurzel besitzt, gibt es
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keine stetige Wurzelfunktion! Das folgende Lemma zeigt, dass es nicht einmal
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auf der Teilmenge $ℂ^* ⊂ ℂ$ eine stetige Wurzelfunktion geben kann.
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\begin{lem}[Nichtexistenz einer stetigen Wurzelfunktion]\label{lem:1-1-23}%
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Es sei $w: ℂ^* → ℂ^*$ eine Funktion, sodass für alle $z ∈ ℂ^*$ gilt: $w(z)² =
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z$. Dann ist die Abbildung $w$ nicht stetig.
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\end{lem}
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\begin{proof}
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Sei eine Funktion $w$ gegeben. Wir argumentieren mit Widerspruch und nehmen
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an, dass die Funktion $w$ stetig sei. Dann ist aber die Funktion
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\[
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f : ℂ^* → ℂ^*, \quad z ↦ w(z²)/z
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\]
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aber ebenfalls stetig. Per Annahme gilt nun aber für jedes $z ∈ ℂ^*$ die
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Gleichung $w(z²)² = z²$. Das bedeutet: die komplexen Zahlen $w(z²)$ und $z$
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unterscheiden sich nur um ein Vorzeichen. Also nimmt die stetige Funktion $f$
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nur die Werte $± 1$ an. Weil $f$ stetig und $ℂ^*$ zusammenhängend ist, muss
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$f$ also konstant sein. Auf der anderen Seite gilt für jedes $z ∈ ℂ^*$ die
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Gleichung
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\[
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f(-z) = \frac{w((-z)²)}{-z} = \frac{w(z²)}{-z} = - f(z),
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\]
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also ist $f$ doch nicht konstant!
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\end{proof}
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\section{Die Exponentialfunktion}
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\sideremark{Vorlesung 2}In der Vorlesung ``Analysis'' wurden Folgen und
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Grenzwerte in $ℂ = ℝ²$ ausführlich betrachtet.
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\begin{erinnerung}[Konvergenz von Folgen und Reihen]
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Eine Folge von komplexen Zahlen, $(z_n)_{n ∈ ℕ}$, mit $z_n = x_n + i · y_n$
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konvergiert genau dann (absolut), wenn die Folge $x_n$ der Realteile und die
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Folge $y_n$ der Imaginärteile jeweils einzeln (absolut) konvergieren. Analoges
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gilt für Reihen $\sum_{n=0}^{∞} z_n$.
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\end{erinnerung}
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\begin{erinnerung}[Stetigkeit]
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Der Begriff der Stetigkeit für Funktionen $f: ℂ → ℂ$ ist der Begriff der
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Stetigkeit für Abbildungen $ℝ² → ℝ²$.
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\end{erinnerung}
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Das wichtigste Beispiel für Reihen war die Exponentialfunktion.
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\begin{proposition}[Exponentialreihe]
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Für jede komplexe Zahl $z ∈ ℂ$ konvergiert die Reihe
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\[
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\sum_{k=0}^{∞} \frac{z^k}{k!}
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\]
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absolut.
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\end{proposition}
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\begin{proof}
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Gegeben $z ∈ ℂ$ und $k ∈ ℕ$, so gilt
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\[
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|\operatorname{Re}(z^k)| ≤ |z^k| = |z|^k
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\quad\text{und}\quad
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|\operatorname{Im}(z^k)| ≤ |z^k| = |z|^k.
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\]
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Verwende jetzt dieselbe Argumentation wie bei der Diskussion der
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Exponentialreihe in Analysis I/II. Alternativ: verwende das
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Majorantenkriterium mit Reihe $\sum \frac{1}{k!} |z|^k$..
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\end{proof}
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\begin{notation}[Exponentialfunktion]
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Die Abbildung
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\[
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\exp : ℂ → ℂ, \quad z ↦ \sum_{k=0}^{∞} \frac{z^k}{k!}
|
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\]
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wird als komplexe Exponentialfunktion\index{Exponentialfunktion} bezeichnet.
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\end{notation}
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\subsection{Die Exponentialfunktion an reellen und rein imaginären Stellen}
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\begin{beobachtung}[Komplexe Exponentialfunktion an reellen Stellen]
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Für reelle Zahlen $z$ stimmt die komplexe Exponentialfunktion mit der reellen
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Exponentialfunktion überein, die wir aus der Vorlesung ``Analysis'' kennen.
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\end{beobachtung}
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\begin{beobachtung}[Komplexe Exponentialfunktion an rein imaginären Stellen]
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||||
Für reelle Zahlen $α$ gilt
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\begin{align*}
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||||
\exp(i·α) &= \cos α + i·\sin α\\
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||||
\exp(-i·α) &= \cos(-α) + i·\sin(-α) = \cos(α) - i·\sin(α) = \overline{\exp(i·α)}
|
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\end{align*}
|
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\end{beobachtung}
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\begin{proof}
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Vergleiche die Exponentialreihe $\sum_{k=0}^{∞} \frac{(i·α)^k}{k!} =
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\sum_{k=0}^{∞} \frac{i^k · z^k}{k!}$ mit den bekannten Reihen für Sinus und
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Cosinus. Beachte, dass
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\[
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i^k =
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\begin{cases}
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1 & \text{falls } k \equiv 0 \bmod 4\\
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i & \text{falls } k \equiv 1 \bmod 4\\
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||||
-1 & \text{falls } k \equiv 2 \bmod 4\\
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||||
-i & \text{falls } k \equiv 3 \bmod 4.
|
||||
\end{cases}
|
||||
\]
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||||
Deshalb ist
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\begin{align*}
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\exp(i α) &= \begin{pmatrix} \frac{1}{0!} \\ 0 \end{pmatrix} + \begin{pmatrix} 0 \\ \frac{α}{1!} \end{pmatrix} + \begin{pmatrix} \frac{-α²}{2!} \\ 0 \end{pmatrix} + \begin{pmatrix} 0 \\ \frac{-α³}{3!} \end{pmatrix} + \begin{pmatrix} \frac{α⁴}{4!} \\ 0 \end{pmatrix} + \begin{pmatrix} 0 \\ \frac{α⁵}{5!} \end{pmatrix} + …\\
|
||||
&= \begin{pmatrix} \cos α \\ \sin α \end{pmatrix} = (\cos α) + i(\sin α)
|
||||
\end{align*}
|
||||
ist. Die Aussage für $\exp(-i·α)$ beweist man analog.
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||||
\end{proof}
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||||
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\begin{kons}[Betrag und Argument von $\exp (i·α)$]
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||||
Für jede reelle Zahl $α$ gilt
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\[
|
||||
|\exp (i·α)| = 1
|
||||
\quad\text{und}\quad
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||||
\arg \exp (i·α) = α.
|
||||
\]
|
||||
\end{kons}
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||||
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\begin{kons}[Sinus und Kosinus in Termen der komplexen Exponentialfunktion]
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||||
Für jede reelle Zahl $α$ gilt
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||||
\begin{align}
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||||
\label{eq:1-2-7-1} \cos α &= \frac{1}{2} \left( \exp(iα) + \exp(-iα) \right) \\
|
||||
\label{eq:1-2-7-2} \sin α &= \frac{1}{2i} \left( \exp(iα) - \exp(-iα) \right)
|
||||
\end{align}
|
||||
\end{kons}
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||||
Die rechten Seiten von \eqref{eq:1-2-7-1} und \eqref{eq:1-2-7-2} ergeben nicht
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nur für reelle Zahlen $α$ Sinn, sondern sind für beliebige $α ∈ ℂ$ definiert.
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||||
\begin{definition}[Komplexe Sinus und Cosinus]
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Definiere die komplexe Sinus\index{Sinus} und Cosinus\index{Cosinus}
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Funktionen wie folgt,
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||||
\begin{align*}
|
||||
\cos: ℂ → ℂ, &\quad z ↦ \frac{1}{2} \left( \exp(i·z) + \exp(-i·z) \right)\\
|
||||
\sin: ℂ → ℂ, &\quad z ↦ \frac{1}{2i} \left( \exp(i·z) - \exp(-i·z) \right).
|
||||
\end{align*}
|
||||
\end{definition}
|
||||
|
||||
Wie bei der komplexen Exponentialfunktion beachte man, dass der komplexe Sinus
|
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und Cosinus für reelle Argumente mit den bekannten Funktionen übereinstimmen.
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\subsection{Die Funktionalgleichung der Exponentialfunktion}
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Genau wie in der Vorlesung Analysis rechnet man die folgenden beiden
|
||||
Eigenschaften der komplexen Exponentialfunktion nach.
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||||
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||||
\begin{fakt}[Exponentialfunktion als Grenzwert]\label{fakt:1-2-10}
|
||||
Für jede komplexe Zahl $z$ gilt
|
||||
\[
|
||||
\exp z = \lim_{n → ∞} \left( 1 + \frac{z}{n} \right)^n.
|
||||
\]
|
||||
\end{fakt}
|
||||
|
||||
\begin{fakt}[Die Funktionalgleichung der Exponentialfunktion]\label{fakt:1-2-11}
|
||||
Für je zwei komplexe Zahlen $z_1$, $z_2$ gilt
|
||||
\[
|
||||
\exp (z_1 + z_2) = (\exp z_1) + (\exp z_2).
|
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\]
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\end{fakt}
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\subsection{Die geometrische Bedeutung der Exponentialfunktion}
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Gegeben irgendeine komplexe Zahl $z = x + i·y$, dan ist
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\[
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\exp(z) = \exp(x + i·y) = \exp(x) · \exp(iy) = \exp(x) · (\cos y + i \sin y)
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\]
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Damit ist die geometrische Bedeutung der Exponentialfunktion klar: $\exp(x +
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iy)$ ist die eindeutig bestimmte Zahl mit Betrag $|\exp z| = \exp x > 0$ und
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Argument $\arg (\exp z) = y$.
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\begin{kons}
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Die Exponentialabbildung nimmt nur Werte in $ℂ^*$ an, kann also als Abbildung
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$\exp : ℂ → ℂ^*$ aufgefasst werden. \qed
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\end{kons}
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\begin{kons}[Surjektivität der Exponentialabbildung]\label{kons:1-2-13}%
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Die Exponentialabbildung $\exp : ℂ → ℂ^*$ ist surjektiv.
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\end{kons}
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\begin{proof}
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Sei $z ∈ ℂ^*$ gegeben. Dann ist $\exp((\log |z|) + i·\arg z)$ eine komplexe
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Zahl, deren Betrag und Argument mit $z$ übereinstimmt. Also sind die beiden
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Zahlen gleich.
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\end{proof}
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\begin{kons}\label{kons:1-2-14}%
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Die Exponentialabbildung $\exp : ℂ → ℂ^*$ ist nicht injektiv. Genauer:
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Gegeben $z_1, z_2 ∈ ℂ$, dann sind folgende Aussagen äquivalent.
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\begin{enumerate}
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\item Es ist $\exp(z_1) = \exp(z_2)$.
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\item Es existiert eine ganze Zahl $n ∈ ℤ$, sodass $z_1 - z_2 = (2π i) · n$
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ist.
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\end{enumerate}
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\end{kons}
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\begin{proof}
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Schreibe $z_1 = x_1 + i·y_1$ und $z_2 = x_2 + i·y_2$. Dann ist
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\begin{align*}
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\exp(z_1) = \exp(z_2) & ⇔ \exp(x_1) · (\cos y_1 + i \sin y_1) = \exp(x_2) · (\cos y_2 + i \sin y_2) \\
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& ⇔ x_1 = x_2 \text{ und } (\cos y_1 + i \sin y_1) = (\cos y_2 + i \sin y_2) \\
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& ⇔ x_1 = x_2 \text{ und } \cos y_1 = \cos y_2 \text{ und } \sin y_1 = \sin y_2 \\
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& ⇔ ∃ n ∈ ℤ: z_1 - z_2 = (2π i) · n. \qedhere
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\end{align*}
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\end{proof}
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\subsection{Komplexe Logarithmen}
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Konsequenez~\ref{kons:1-2-13} impliziert, dass jede komplexe Zahl $z ∈ ℂ^*$
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einen Logarithmus hat, also eine Zahl $w$ mit $\exp(w) = z$. Aber: Genau wie
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bei der Quadratwurzel gibt es keine stetige Logarithmusfunktion
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\begin{lem}[Nichtexistenz einer stetigen Logarithmusfunktion]
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Es sei $\log : ℂ^* → ℂ$ eine Funktion, sodass für alle $z ∈ ℂ^*$ gilt: $\exp
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\log z = z$. Dann ist die Abbildung $\log$ nicht stetig.
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\end{lem}
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\begin{proof}
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Hausaufgabe! Haben Sie den Beweis von Konsequenz~\ref{kons:1-2-13} wirklich
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verstanden?
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\end{proof}
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\begin{notation}[Hauptzweig des Logarithmus]
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Die unstetige Funktion
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\[
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\log: ℂ^* → ℂ, \quad z ↦ \begin{pmatrix} \ln |z| \\ \arg z \end{pmatrix}
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\]
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wird in der Literatur also ``Hauptzweig des Logarithmus''\index{Hauptzweig des
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Logarithmus} bezeichnet.
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\end{notation}
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\subsection{Die Exponentialfunktion als Gruppenmorphismus}
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Wenn ich beachte, dass $\exp(0) = 1$ ist, dann kann ich die
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Fakten~\ref{fakt:1-2-10} und \ref{fakt:1-2-10} auch anders ausdrücken: Die
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Exponentialabbildung $\exp: ℂ → ℂ^*$ ist ein Gruppenmorphismus zwischen der
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additiven Gruppe $(ℂ, +)$ und der multiplikativen Gruppe $(ℂ^*, ·)$.
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Konsequenz~\ref{kons:1-2-13} sagt, dass dieser Gruppenmorphismus surjektiv ist.
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Also ist $(ℂ^*, ·)$ isomorph zur Quotientengruppe,
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\[
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ℂ^* ≅ \factor{ℂ}{\ker \exp}.
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\]
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Konsequenz~\ref{kons:1-2-14} sagt, was der Kern des Gruppenmorphismus ist,
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\[
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\ker \exp = (2π i) · ℤ ⊂ ℂ.
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\]
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% !TEX root = LineareAlgebra2
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