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AlgebraZahlentheorie/03.tex
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\chapter{Algebraische und transzendente Elemente}
\section{Körpererweiterungen}
Jetzt beginnt die Vorlesung richtig: wir interessieren uns für
Körpererweiterungen, also für Situationen, in denen wir einen (großen) Körper $L$
haben und darin enthalten einen kleineren Körper $K$, zum Beispiel $ℚ ⊂ ℝ$. Die
erste und zentrale Beobachtung beim Studium von Körpererweiterungen ist, dass
nicht alle Elemente des größeren Körpers gleich sind.
\begin{beobachtung}
In $ℝ$ gibt es verschiedene Sorten von nicht-rationalen Zahlen:
\begin{itemize}
\item Zahlen wie $\sqrt{2}$ oder $\sqrt[3]{5}+\sqrt{2}$, die irgendwie
\emph{algebraisch} sind, weil sie mit Polynomen zu tun haben, deren
Koeffizienten rationale Zahlen sind --- diese Zahlen heißen „algebraisch“.
\item Zahlen wie $e$ oder $π$, die von Potenzreihen, und nicht von Polynomen
kommen --- diese Zahlen heißen „transzendent“.
\end{itemize}
\end{beobachtung}
Um diese Beobachtung für beliebige Körper zu formulieren, ist leider wieder erst
einmal ein wenig Sprache fällig.
\begin{definition}[Polynomring, \mathlib{Algebra/Polynomial/Basic.html\#Polynomial}]\label{def:3-0-2}%
Es sei $K$ ein Körper. Dann bezeichne $K[x]$ den Ring der Polynome mit
Variable $x$ und Koeffizienten aus $K$.\index{Polynomring|textbf}
\end{definition}
\begin{warnung}[Polynome und Funktionen]
In der Situation von Definition~\ref{def:3-0-2} kann ich jedem Polynom eine
Funktion $K → K$ zuweisen, Polynome sind aber etwas anderes als Funktionen! Im
Falle, wo $K = 𝔽_p$ ein endlicher Körper ist, gibt es zwar unendlich viele
Polynome (zum Beispiel $x$, $x²$, $x³$, …), aber nur endlich viele Abbildungen
von $K$ nach $K$!
\end{warnung}
\begin{bsp}[Polynomring]
Das Polynom $\frac{2}{7}· x²+8$ liegt in $ℚ[x]$. Das Polynom $π·x + e$ liegt
in $ℝ[x]$.
\end{bsp}
\begin{bsp}[Polynomring]
Es sei $K = ℝ(z)$, der Körper der gebrochen-rationalen Funktionen aus
Beispiel~\ref{bsp:2-3-3}. Dann ist
\[
\frac{2z+z²}{1+z³}·x²+\frac{1}{2}·x+z
\]
ein typisches Polynom aus $K[x]$.
\end{bsp}
Die korrekte Definition von „algebraisch“ und „transzendent“ ist jetzt die
Folgende.
\begin{defn}[Algebraische und transzendente Elemente, \mathlib{RingTheory/Algebraic/Defs.html\#IsAlgebraic}]
Es sei $L/K$ eine Körpererweiterung. Ein Element $a ∈ L$ heißt
\emph{algebraisch über $K$}\index{algebraisches Element|textbf}, wenn es ein Polynom $f ∈ K[x]$ gibt, sodass Folgendes
gilt.
\begin{itemize}
\item Das Polynom $f$ ist nicht das Nullpolynom.
\item Das Element $a$ ist eine Nullstelle von $f$. Genauer: Fasse das Polynom
$f$ als Element von $L[x]$ auf. Dann ist die Bedingung, dass die zu $f$
gehörende Abbildung $L → L$ das Element $a$ auf $0$ abbildet.
\end{itemize}
Ist $a$ nicht algebraisch, so nennt man $a$
\emph{transzendent}\index{transzendentes Element|textbf}.
\end{defn}
\begin{bsp}
Betrachte die Körpererweiterung $ℝ/ℚ$. Die Zahl $\sqrt[3]{2}$ ist
algebraisch, weil sie Nullstelle des Polynoms $x³-2 ∈ ℚ[x]$ ist. Der
Freiburger Mathematiker Ferdinand
Lindemann\footnote{\href{https://de.wikipedia.org/wiki/Ferdinand_von_Lindemann}{Carl
Louis Ferdinand Lindemann}, ab 1918 Ritter von Lindemann (* 12.~April 1852 in
Hannover; † 6.~März 1939 in München) war ein deutscher Mathematiker. Lindemann
hatte die Idee für den Transzendenzbeweis bei einem Spaziergang auf dem
Lorettoberg.} bewies im Jahr 1882 in der berühmten Arbeit \cite{MR1510165},
dass die Zahl $π$ transzendent ist.\index{Lindemann, Satz von}
\end{bsp}
\section{Algebraische und transzendente Zahlen}
Der Zahlentheoretiker interessiert sich natürlich besonders für die
Körpererweiterung $ℂ/ℚ$. Hier hat sich eine eigene Sprache etabliert.
\begin{defn}[Algebraische und transzendente Zahlen]
Elemente $z ∈ ℂ$, die algebraisch über $ℚ$ sind, nennt man \emph{algebraische
Zahlen}\index{algebraische Zahl|textbf}. Die anderen Elemente heißen
\emph{transzendente Zahlen}\index{transzendente Zahl|textbf}.
\end{defn}
Leider gibt es fast keine algebraischen Zahlen. Der folgende Satz zeigt, dass
jedes nicht-leere, offene Intervall in $ℝ$ jede Menge transzendente Zahlen
enthält.
\begin{satz}[\mathlib{Algebra/AlgebraicCard.html\#Algebraic.countable}]\label{satz:3-2-2}%
\index{algebraische Zahl}%
Die Menge der algebraischen Zahlen ist abzählbar.
\end{satz}
\begin{proof}
Bekanntlich ist $ℚ$ abzählbar, also ist der Ring $ℚ[x]$ der Polynome mit
Koeffizienten in $ℚ$ ebenfalls abzählbar. Jedes Polynom hat aber nur endlich
viele Nullstellen.
\end{proof}
\section{Algebraische und transzendente Körpererweiterungen}
\begin{defn}[Algebraische und transzendente Körpererweiterungen, \mathlib{RingTheory/Algebraic/Defs.html\#Algebra.IsAlgebraic}]
Man nennt eine Körpererweiterung $L/K$
\emph{algebraisch}\index{Körpererweiterung!algebraisch|textbf},
wenn jedes Element $a ∈ L$ algebraisch über $K$ ist. Wenn $L/K$ nicht
algebraisch ist, nennt man die Erweiterung
\emph{transzendent}\index{Körpererweiterung!transzendent|textbf}.
\end{defn}
\begin{bsp}
Die Körpererweiterung $ℂ/ℝ$ ist algebraisch. Denn wenn irgendeine komplexe
Zahl $z$ gegeben ist, dann ist $z$ eine Nullstelle des Polynoms
\[
f(x) := (x-z)·(x-\overline{z}) = x²- \underbrace{(z+\overline{z})}_{∈
ℝ}·x+\underbrace{z·\overline{z}}_{∈ ℝ}.
\]
Dies ist aber ein reelles Polynom, also in $ℝ[x]$.
\end{bsp}
\begin{bsp}
Satz~\ref{satz:3-2-2} (oder alternativ auch der Satz von Lindemann\index{Lindemann, Satz von}) sagt, dass
$ℝ/ℚ$ transzendent ist.
\end{bsp}
\section{Das Minimalpolynom}
Es sei $L/K$ eine Körpererweiterung und es sei $a ∈ L$ algebraisch über $K$. Per
Definition gibt es dann ein Polynom $f ∈ K[x]$, welches $a$ als Nullstelle hat.
Natürlich ist $f$ kein bisschen eindeutig -- man multipliziere $f$ mit
irgendeinem anderen Polynom und erhalte ein neues Polynom (größeren Grades), das
ebenfalls $a$ als Nullstelle hat. Man kann aber unter allen Polynomen, die $a$
als Nullstelle haben, ein eindeutiges Element finden, wenn man ein paar
Zusatzbedingungen stellt.
\begin{description}
\item[Minimaler Grad] Zuerst betrachten wir nur solche Polynome, deren Grad
minimal ist unter allen nicht-konstanten Polynomen, die $a$ als Nullstelle
haben.
\item[Normiertheit] Solche Polynome gibt es immer noch viele, aber wenn
\begin{equation*}
f = a_n·x^n+a_{n-1}·x^{n-1}+ ⋯ + a_0∈ K[x]
\end{equation*}
ein solches Polynom ist, dann hat das normierte Polynom\footnote{Erinnerung:
„normiert“ bedeutet, dass der Leitkoeffizient gleich 1 ist.}
\begin{equation*}
\frac{1}{a_n}f = x^n+\frac{a_{n-1}}{a_n}·x^{n-1} + ⋯ + \frac{a_0}{a_n}∈ K[x]
\end{equation*}
ebenfalls das Element $a$ als Nullstelle.
\end{description}
Die zentrale Beobachtung ist jetzt, dass es nur ein einziges normiertes Polynom
minimalen Grades gibt, das $a$ als Nullstelle hat. Denn wenn $f_1$ und $f_2$
zwei unterschiedliche solche Polynome wären, dann hätte auch $f_1 - f_2$ das
Element $a$ als Nullstelle. Aber der Grad von $f_1 - f_2$ ist kleiner als der
Grad von $f_1$!
\begin{defn}[Minimalpolynom, \mathlib{FieldTheory/Minpoly/Basic.html\#minpoly}]
Es sei $L/K$ eine Körpererweiterung und es sei $a ∈ L$ algebraisch über $K$.
Das (wie oben gesehen: eindeutig bestimmte!) normierte Polynom kleinsten
Grades in $K[x]$, welches $a$ als Nullstelle hat, wird als
\emph{Minimalpolynom}\index{Minimalpolynom|textbf} von $a$ über $K$ bezeichnet.
\end{defn}
\begin{defn}[Grad von Elementen in einer Körpererweiterung]
Es sei $L/K$ eine Körpererweiterung und es sei $a ∈ L$. Dann definiert man
den \emph{Grad von $a$ über $K$}\index{Grad!eines Elementes|textbf} wie folgt.
\begin{itemize}
\item Falls $a$ algebraisch über $K$ ist, dann ist der Grad von $a$ über $K$
der Grad des Minimalpolynoms.
\item Falls $a$ transzendent über $K$ ist, dann ist der Grad von $a$ über $K$
unendlich.
\end{itemize}
Die Schreibweise $[a:K]$ ist üblich.\index{*aKGrad@$[a:K]$ (Grad eines Elementes)|textbf}
\end{defn}
\begin{bsp}
Betrachte die Erweiterung $ℂ/ℚ$ und $a = \sqrt[3]{2}$. Dann ist $[a:ℚ] ≤ 3$,
denn $a$ ist Nullstelle des Polynoms $f(x) = x³-2 ∈ ℚ[x]$. Aber ist $f$ auch
das Minimalpolynom?
\end{bsp}
\begin{bsp}
Der Satz von Lindemann\index{Lindemann, Satz von} sagt, dass $[π:ℚ] = ∞$ ist.
\end{bsp}
\begin{beobachtung}
Es sei $L/K$ eine Körpererweiterung und es sei $a ∈ L$ algebraisch über $K$.
Dann ist $[a:K] = 1$ gleichbedeutend dazu, dass $a$ in $K$ liegt.
\end{beobachtung}
\begin{bsp}[Adjunktion einer Quadratwurzel]
Es sei $L = ℂ$ und es sei $K$ ein Unterkörper (zum Beispiel $ℚ$). Weiter sei
$b ∈ K$ und $a$ sei eine Quadratwurzel von $b$ (also: Es gilt die Gleichung
$a² = b$). Dann gilt
\[
[a:K] =
\left\{
\begin{matrix}
1 & \text{falls } a ∈ K \\
2 & \text{sonst}
\end{matrix}
\right.
\]
\end{bsp}
Die Umkehrung gilt ebenfalls, wie wir in Korollar~\vref{kor:ajQ} sehen
werden.
\section{Der Grad einer Körpererweiterung}
Wenn $L/K$ eine Körpererweiterung ist, dann lässt sich $L$ auch als
$K$-Vektorraum auffassen. Dabei ist die Vektoraddition einfach die Addition in
$L$ und die skalare Multiplikation (= Multiplikation von Elementen aus $L$ mit
Elementen aus $K$) ist die Multiplikation des Körpers $L$. Das erlaubt folgende
Definition.
\begin{defn}[Grad einer Körpererweiterung, \mathlib{LinearAlgebra/Dimension/Finrank.html\#Module.finrank}]
Es sei $L/K$ eine Körpererweiterung. Die Dimension von $L$ als Vektorraum
über $K$ heißt \emph{Grad der Körpererweiterung}\index{Grad!einer Körpererweiterung|textbf}. Die Schreibweise $[L:K]$ ist üblich.\index{*LKGrad@$[L:K]$ (Grad einer Körpererweiterung)|textbf}
\end{defn}
\begin{defn}[Endliche Körpererweiterung, \mathlib{LinearAlgebra/FiniteDimensional/Defs.html\#FiniteDimensional}]
Eine Körpererweiterung $L/K$ heißt \emph{endlich}\index{Körpererweiterung!endlich|textbf}, wenn $[L:K] < ∞$ ist.
\end{defn}
\begin{bsp}
Es ist $[ℂ:ℝ] = 2$ und $[ℝ:ℚ] = ∞$, denn jeder endlich-dimensionale
$ℚ$-Vektorraum wäre abzählbar.
\end{bsp}
\begin{satz}[Grad von Körpererweiterungen und Grad von Elementen, \leanlink{elemente}, \mathlib{FieldTheory/IntermediateField/Adjoin/Basic.html\#IntermediateField.adjoin.finrank}]\label{satz:3-5-4}%
\index{Grad!eines Elementes}\index{Grad!einer Körpererweiterung}\index{Minimalpolynom}%
Es sei $L/K$ eine Körpererweiterung und es sei $a ∈ L$. Dann gilt die
Gleichheit $[a: K] = [K(a):K]$.\sideremark{Vorlesung 3}
\end{satz}
\begin{proof}[Beweis von Satz~\ref{satz:3-5-4}, falls $a$ transzendent ist, \video{3-1}]
Wenn $a$ transzendent ist, dann ist $[a:K] = ∞$ und wir müssen zeigen, dass
auch $[K(a):K] = ∞$ ist. Dazu genügt es zu zeigen, dass die unendliche Menge
\begin{equation*}
\{ 1, a, a², a³, a⁴, … \} ⊆ K(a)
\end{equation*}
linear unabhängig über $K$ ist. Falls nicht, dann gäbe es eine Zahl $m ∈ ℕ$
und Elemente $λ_0, …, λ_m ∈ K$, die nicht alle gleich Null sind, sodass
\begin{equation*}
0 = \sum_{i=0}^{m} λ_i·a^i
\end{equation*}
ist. Dann wäre $a$ aber eine Nullstelle des Polynoms $f(x) = \sum_{i=0}^m
λ_i·x^i ∈ K[x]$, welches nicht das Nullpolynom ist. Das widerspricht der
Annahme, dass $a$ transzendent ist. Also ist $[K(a):K] = \dim_K K(a) = ∞$.
\end{proof}
\begin{proof}[Beweis von Satz~\ref{satz:3-5-4}, falls $a$ algebraisch ist, \video{3-2}]
Setze $m := [a:K]$ und schreibe das Minimalpolynom von $a$ über $K$ als
\begin{equation*}
f(x) = λ_0 + λ_1·x + λ_2·x² + ⋯ + λ_{m-1}·x^{m-1} + x^m ∈ K[x].
\end{equation*}
Die Menge $\{1, a, a², …, a^{m-1}\} ⊆ K(a)$ ist linear unabhängig über $K$:
Jede nicht-triviale Linearkombination der Null lieferte nämlich ein Polynom
vom Grad kleiner $m$, welches nicht das Nullpolynom ist und $a$ als Nullstelle
hat --- im Widerspruch zur Minimalität des Grades des Minimalpolynoms.
Betrachte deshalb den $m$-dimensionalen Untervektorraum
\begin{equation*}
V := \langle 1, a, a², …, a^{m-1} \rangle_K ⊆ K(a).
\end{equation*}
Ich behaupte, dass $V = K(a)$ ist; damit ist dann $[K(a):K] = \dim_K V = m$
und der Satz ist bewiesen. Um die Behauptung zu zeigen, genügt es zu zeigen,
dass $V$ ein Unterkörper von $K(a)$ ist. Denn $V$ enthält $K$ und das Element
$a$, und $K(a)$ ist per Definition der kleinste Unterkörper, der $K$ und $a$
enthält. Weil $V$ ein Untervektorraum ist, ist $V$ abgeschlossen unter der
Addition. Es bleibt zu zeigen, dass $V$ auch abgeschlossen unter der
Multiplikation und der Inversenbildung ist.
\schritt{Abgeschlossenheit unter Multiplikation.} Weil $a$ eine Nullstelle des
Minimalpolynoms $f$ ist, gilt die Gleichung
\begin{equation*}
a^m = -\sum_{i=0}^{m-1} λ_i·a^i ∈ V.
\end{equation*}
Durch wiederholte Anwendung dieser Gleichung folgt induktiv, dass $a^n ∈ V$
ist, für alle Zahlen $n ∈ ℕ$. Jedes Produkt von Elementen aus $V$ ist eine
$K$-Linearkombination von Potenzen von $a$, also gilt für alle $v_1$, $v_2 ∈
V$, dass $v_1·v_2 ∈ V$ ist.
\schritt{Abgeschlossenheit unter Inversenbildung.} Es sei $y ∈ V$ mit $y ≠ 0$
gegeben. Weil $V$ abgeschlossen unter der Multiplikation ist, liegen alle
Potenzen $1$, $y$, $y²$, …, $y^m$ in $V$. Das sind $m+1$ Elemente in einem
Vektorraum der Dimension $m$, also sind diese Elemente linear abhängig über
$K$. Insbesondere ist $y$ algebraisch über $K$. Es sei
\begin{equation*}
g(x) = c_0 + c_1·x + ⋯ + c_{n-1}·x^{n-1} + x^n ∈ K[x]
\end{equation*}
das Minimalpolynom von $y$ über $K$. Dann ist $c_0 ≠ 0$: Andernfalls könnte
ich nämlich in $g$ einmal $x$ ausklammern, also $g = x·h$ mit $h ∈ K[x]$ vom
Grad $n-1$ schreiben. Weil $K(a)$ ein Körper und $y ≠ 0$ ist, folgte aus $0 =
g(y) = y·h(y)$ schon $h(y) = 0$ --- im Widerspruch zur Minimalität des Grades
von $g$. Aus der Gleichung
\begin{equation*}
0 = g(y) = y·\bigl(y^{n-1} + c_{n-1}·y^{n-2} + ⋯ + c_1\bigr) + c_0
\end{equation*}
folgt jetzt
\begin{equation*}
\frac{1}{y} = \frac{y^{n-1} + c_{n-1}·y^{n-2} + ⋯ + c_1}{-c_0} ∈ V,
\end{equation*}
denn der Zähler ist eine $K$-Linearkombination von Potenzen von $y$, liegt
also in $V$, und der Nenner $-c_0$ liegt in $K$.
\end{proof}
Die folgenden beiden Korollare sind total nützlich. Beide folgen direkt aus dem
Beweis von Satz~\ref{satz:3-5-4}; wir wiederholen die Argumentation deshalb an
dieser Stelle nicht.
\begin{kor}[\mathlib{FieldTheory/IntermediateField/Adjoin/Basic.html\#IntermediateField.isAlgebraic_adjoin_simple}]
Es sei $L/K$ eine Körpererweiterung und es sei $a∈ L$. Falls $[a:K] < ∞$ ist,
dann ist $K(a)$ algebraisch über $K$. \qed
\end{kor}
\begin{kor}[\mathlib{FieldTheory/IntermediateField/Adjoin/Basic.html\#IntermediateField.adjoin.powerBasis}]\label{kro:eord}%
\index{Adjunktion!eines Elementes}%
Es sei $L/K$ eine Körpererweiterung und es sei $a∈L$ algebraisch über $K$, vom
Grad $n$. Dann kann jedes Element $b ∈ K(a)$ geschrieben werden als
\[
b = c_0 + c_1·a + c_2·a² + ⋯ + c_{n-1}·a^{n-1},
\]
wobei $c_0, …, c_{n-1} ∈ K$ geeignete Elemente sind. \qed
\end{kor}
Korollar~\ref{kro:eord} ist Ihnen im Spezialfall der Körpererweiterung $ℂ/ℝ$
schon bekannt: Jede komplexe Zahl $b$ kann geschrieben werden als $b = c_0 +
c_1·i$, wobei $c_0$ und $c_1$ reelle Zahlen sind. Das ist ziemlich nützlich!
Korollar~\ref{kro:eord} erlaubt eine ganz ähnliche Beschreibung für beliebige
einfache Körpererweiterungen.
\section{Ketten von Körpererweiterungen}
Wir werden uns häufig einer Situation gegenübersehen, wo wir einen Körper $K$
haben, und dann nach und nach einige Elemente eines Oberkörpers
hinzuadjungieren. Wir erhalten so eine Kette von immer größer werdenden
Oberkörpern. Die Frage ist, wie sich die Erweiterungsgrade verhalten.
\begin{satz}[Gradformel, \leanlink{gradformel}, \mathlib{LinearAlgebra/Dimension/Free.html\#Module.finrank_mul_finrank}]\label{satz:3-6-1}%
\index{Gradformel|textbf}Es sei $K ⊆ L ⊆ M$ eine Kette von
Körpererweiterungen. Dann gilt\footnote{Wir verwenden die Konvention $∞·∞ = ∞$
und $∞·n = ∞$, falls $n$ eine positive ganze Zahl ist.} die Gleichung
\[
[M:K] = [M:L]·[L:K].
\]
\end{satz}
\begin{proof}[Beweis, \video{3-3}]
Wir kümmern uns zuerst um die unendlichen Fälle; das Erklärvideo bespricht
diese Fälle nicht. Wenn $[L:K] = ∞$ ist, dann ist $L$ ein $K$-Untervektorraum
von $M$ von unendlicher Dimension, also ist auch $[M:K] = ∞$. Wenn $[M:L] =
∞$ ist, dann ist ebenfalls $[M:K] = ∞$, denn jedes endliche Erzeugendensystem
von $M$ als $K$-Vektorraum wäre wegen $K ⊆ L$ insbesondere ein endliches
Erzeugendensystem von $M$ als $L$-Vektorraum.
Es seien jetzt also $a := [L:K]$ und $b := [M:L]$ beide endlich. Wähle Basen
\begin{align*}
ℓ_1, …, ℓ_a & \text{ von $L$ als $K$-Vektorraum und} \\
m_1, …, m_b & \text{ von $M$ als $L$-Vektorraum}.
\end{align*}
Ich behaupte, dass die $a·b$ Produkte $(ℓ_i·m_j)_{1 ≤ i ≤ a,\: 1 ≤ j ≤ b}$
eine Basis von $M$ als $K$-Vektorraum bilden; damit ist dann sofort $[M:K] =
a·b$ gezeigt.
\schritt{Die Produkte bilden ein Erzeugendensystem.} Es sei ein Element $m ∈
M$ gegeben. Schreibe $m$ als $L$-Linearkombination der Basis $m_1, …, m_b$,
\begin{equation*}
m = \sum_{j=1}^{b} λ_j·m_j, \quad\text{wobei } λ_j ∈ L,
\end{equation*}
und schreibe danach jeden der Koeffizienten $λ_j$ als $K$-Linearkombination
der Basis $ℓ_1, …, ℓ_a$,
\begin{equation*}
λ_j = \sum_{i=1}^{a} μ_{ij}·ℓ_i, \quad\text{wobei } μ_{ij} ∈ K.
\end{equation*}
Einsetzen liefert
\begin{equation*}
m = \sum_{j=1}^{b} \left( \sum_{i=1}^{a} μ_{ij}·ℓ_i \right)·m_j
= \sum_{i,j} μ_{ij}·(ℓ_i·m_j).
\end{equation*}
\schritt{Die Produkte sind linear unabhängig.} Es sei eine $K$-lineare
Relation gegeben, das heißt
\begin{equation*}
0 = \sum_{i,j} μ_{ij}·(ℓ_i·m_j), \quad\text{wobei } μ_{ij} ∈ K.
\end{equation*}
Umsortieren liefert
\begin{equation*}
0 = \sum_{j=1}^{b} \underbrace{\left( \sum_{i=1}^{a} μ_{ij}·ℓ_i \right)}_{∈\, L}·m_j.
\end{equation*}
Dies ist eine $L$-lineare Relation unter den Basiselementen $m_j$, also
verschwinden alle Koeffizienten: Für jeden Index $j$ ist $\sum_{i=1}^a
μ_{ij}·ℓ_i = 0$. Das wiederum ist jeweils eine $K$-lineare Relation unter den
Basiselementen $ℓ_i$, also ist $μ_{ij} = 0$ für alle Indizes $i$ und $j$.
\end{proof}
\begin{kor}[\mathlib{LinearAlgebra/Dimension/Free.html\#Module.finrank_dvd_finrank_right}]
Es sei $K ⊆ L ⊆ M$ eine Kette von Körpererweiterungen. Wenn $[M:K]$ endlich
ist, dann ist $[L:K]$ endlich, und sogar ein Teiler von $[M:K]$. Insbesondere
gilt für jedes Element $a∈ L$, dass $[a:K]$ ein Teiler von $[M:K]$ ist. \qed
\end{kor}
\begin{kor}\label{cor:3-6-3}%
\index{Körpererweiterung!einfach}%
Es sei $L/K$ eine algebraische Körpererweiterung, sodass $[L:K]$ eine Primzahl
ist. Dann existiert ein Element $a ∈ L$, sodass $L = K(a)$ ist. \qed
\end{kor}
\begin{kor}[Adjunktion von Quadratwurzeln]\label{kor:ajQ}%
\index{Adjunktion!einer Quadratwurzel|textbf}%
Es sei $K$ ein Körper, in dem das Element $2 := 1+1$ ungleich $0$ ist (zum
Beispiel $K = ℚ$). Weiter sei $L/K$ eine Körpererweiterung von Grad zwei.
Dann entsteht $L$ aus $K$ durch Adjunktion einer Quadratwurzel. Genauer: es
gibt Elemente $a ∈ L$ und $b ∈ K$, sodass Folgendes gilt.
\begin{itemize}
\item Es gilt die Gleichung $a² = b$.
\item Es ist $L=K(a)$.
\end{itemize}
\end{kor}
\begin{proof}[Beweis, \video{3-4}]
Die Körpererweiterung $L/K$ hat den Grad $[L:K] = 2$; sie ist also
insbesondere algebraisch und ihr Grad ist eine Primzahl. Nach
Korollar~\ref{cor:3-6-3} existiert deshalb ein Element $y ∈ L$, sodass $L =
K(y)$ ist. Nach Satz~\ref{satz:3-5-4} ist dann $[y:K] = [K(y):K] = 2$, das
Minimalpolynom von $y$ hat also die Form
\begin{equation*}
x² + λ_1·x + λ_0 ∈ K[x],
\end{equation*}
und es gilt die Gleichung $y² + λ_1·y + λ_0 = 0$. Wie beim Lösen einer
quadratischen Gleichung ergänzen wir quadratisch. Weil das Element $2$ in $K$
ungleich Null ist, können wir das Element
\begin{equation*}
a := y + \frac{λ_1}{2} ∈ L
\end{equation*}
betrachten. Weil sich $a$ und $y$ nur um das Körperelement $λ_1/2 ∈ K$
unterscheiden, ist $K(a) = K(y) = L$. Zusätzlich rechnen wir nach, dass
\begin{equation*}
a² = y² + λ_1·y + \left(\frac{λ_1}{2}\right)²
= \underbrace{\bigl(y² + λ_1·y + λ_0\bigr)}_{=\,0}
+ \left(\frac{λ_1}{2}\right)² - λ_0
= \left(\frac{λ_1}{2}\right)² - λ_0
\end{equation*}
ist. Setze also $b := (λ_1/2)² - λ_0 ∈ K$. Dann ist $a² = b$ und $L = K(a)$,
wie behauptet.
\end{proof}
Der folgende Satz fasst unsere Ergebnisse zusammen.
\begin{satz}\label{Satz_aequivalenzen_Koerpererweiterungen}
\index{Körpererweiterung!endlich}%
Es sei $L/K$ eine Körpererweiterung. Dann sind folgende Aussagen äquivalent.
\begin{enumerate}
\item\label{Satz_1_1_19_1} Es ist $[L:K] < ∞$.
\item\label{Satz_1_1_19_2} Die Körpererweiterung $L$ ist algebraisch über $K$
und es gibt endlich viele Elemente $a_1, …, a_n∈ L$, sodass $L = K(a_1, …,
a_n)$ ist.
\item\label{Satz_1_1_19_3} Es gibt endlich viele Elemente $a_1, …, a_n ∈ L$,
die algebraisch über $K$ sind und die Körpererweiterung $L$ erzeugen: $L =
K(a_1, …, a_n)$.
\end{enumerate}
\end{satz}
\begin{proof}[Beweis Richtung \ref{Satz_1_1_19_1}$⇒$\ref{Satz_1_1_19_2}]
Aus $[L:K] < ∞$ folgt für alle $a ∈ L$ sofort $[a:K] < ∞$, also sind alle
diese Elemente algebraisch. Um $a_1, …, a_n$ zu finden, kann man zum Beispiel
einfach eine Basis von $L$ als $K$-Vektorraum wählen.
\end{proof}
\begin{proof}[Beweis Richtung \ref{Satz_1_1_19_2}$⇒$\ref{Satz_1_1_19_3}]
Hier ist nichts zu zeigen.
\end{proof}
\begin{proof}[Beweis Richtung \ref{Satz_1_1_19_3}$⇒$\ref{Satz_1_1_19_1}]
Sei $L = K(a_1, …, a_n)$. Betrachte die Körper $K_i := K(a_1, …, a_i)$ und
die Kette von Erweiterungen
\[
K = K_0 ⊆ K_1 ⊆ ⋯ ⊆ K_n = L.
\]
Dann gilt für jeden Index $i < n$ die Gleichung $K_{i+1} = K_i(a_{i+1})$;
insbesondere ist per Annahme („$a_{i+1}$ ist algebraisch über $K$“) und
Satz~\ref{satz:3-5-4} die Erweiterung $K_{i+1}/K_i$ stets endlich.
Wiederholte Anwendung von Satz~\ref{satz:3-6-1} liefert dann
\[
[L:K] = \prod_{i=0}^{n-1} [K_{i+1}:K_i],
\]
und diese Zahl ist endlich, weil jeder Faktor endlich ist.
\end{proof}
\section{Die Transitivität der Algebraizität}
Wir nennen zwei unmittelbare Folgerungen aus
Satz~\ref{Satz_aequivalenzen_Koerpererweiterungen}, die so fundamental wichtig
sind, dass sie einen eigenen Abschnitt verdienen. Die erste ist der Satz über
die „Transitivität der Algebraizität“.
\begin{kor}[Transitivität der Algebraizität, \leanlink{transitivitaet}, \mathlib{RingTheory/Algebraic/Integral.html\#Algebra.IsAlgebraic.trans}]\label{kor:TdA}%
\index{Transitivität der Algebraizität|textbf}\index{Körpererweiterung!algebraisch}%
Es seien $L/K$ und $M/L$ zwei algebraische Körpererweiterungen. Dann ist auch
$M/K$ algebraisch.
\end{kor}
\begin{proof}[Beweis, \video{3-5}]
Es sei ein Element $m ∈ M$ gegeben. Wir wissen, dass $m$ algebraisch über $L$
ist; es sei
\begin{equation*}
f(x) = λ_0 + λ_1·x + ⋯ + λ_{n-1}·x^{n-1} + x^n
\end{equation*}
das Minimalpolynom von $m$ über $L$. Die Koeffizienten $λ_i$ liegen in $L$.
Betrachte jetzt den Körper $Z := K(λ_0, …, λ_{n-1})$ und die Kette von
Körpererweiterungen
\begin{equation*}
K ⊆ Z ⊆ Z(m) \ni m.
\end{equation*}
Die Erweiterung $L/K$ ist algebraisch, also sind die endlich vielen Elemente
$λ_0, …, λ_{n-1}$ allesamt algebraisch über $K$.
Satz~\ref{Satz_aequivalenzen_Koerpererweiterungen} sagt deshalb, dass $[Z:K] <
∞$ ist. Weiter liegt das Polynom $f$ in $Z[x]$ und hat $m$ als Nullstelle.
Also ist $m$ auch algebraisch über $Z$, und Satz~\ref{satz:3-5-4} liefert
$[Z(m):Z] < ∞$. Mit der Gradformel, Satz~\ref{satz:3-6-1}, folgt
\begin{equation*}
[Z(m):K] = [Z(m):Z]·[Z:K] < ∞.
\end{equation*}
Wieder nach Satz~\ref{Satz_aequivalenzen_Koerpererweiterungen} ist die
Erweiterung $Z(m)/K$ dann algebraisch. Insbesondere ist das Element $m ∈
Z(m)$ algebraisch über $K$.
\end{proof}
\begin{warnung}[Prüfungsfalle]
Der Satz über die Transitivität der Algebraizität wird in Prüfungen sehr gern
gefragt. Beachten Sie, dass der Beweis ziemlich indirekt ist. In Prüfungen
sehen wir oft, dass Kandidatinnen und Kandidaten für ein gegebenes $a ∈ M$
direkt ein Minimalpolynom konstruieren wollen. Das hat in der Geschichte der
Mathematik noch in keiner Prüfung funktioniert. Lassen Sie das!
\end{warnung}
\begin{satzdef}[Algebraischer Abschluss in einem Oberkörper, \mathlib{FieldTheory/AlgebraicClosure.html\#algebraicClosure}]\label{satzdef:aaieO}
Es sei $L/K$ eine Körpererweiterung. Dann bildet die Menge
\[
\overline{K} := \{ a ∈ L \::\: a \text{ ist algebraisch über } K \}
\]
einen Unterkörper von $L$, genannt der \emph{algebraische Abschluss von $K$ im
Oberkörper $L$}\index{algebraischer Abschluss!in Oberkörper|textbf}.
\end{satzdef}
\begin{proof}[Beweis, \video{3-6}]
Die Menge $\overline{K}$ enthält den Körper $K$; insbesondere ist sie nicht
leer. Wir müssen zeigen, dass $\overline{K}$ abgeschlossen unter der
Addition, der Multiplikation und der Inversenbildung ist. Es seien also $a$,
$b ∈ \overline{K}$ gegeben, das heißt: $a$ und $b$ sind Elemente von $L$, die
algebraisch über $K$ sind. Wir müssen zeigen, dass die Elemente $a+b$, $-a$,
$a·b$ und gegebenenfalls $1/a$ wieder in $\overline{K}$ liegen, also
algebraisch über $K$ sind. Alle diese Elemente liegen aber im Unterkörper
$K(a,b) ⊆ L$. Weil $a$ und $b$ algebraisch über $K$ sind, sagt
Satz~\vref{Satz_aequivalenzen_Koerpererweiterungen}, dass die Erweiterung
$K(a,b)/K$ algebraisch ist. Also ist jedes Element von $K(a,b)$ algebraisch
über $K$, und das war zu zeigen.
\end{proof}
\begin{kor}
Die Menge $\overline{ℚ}$ der algebraischen Zahlen\index{algebraische Zahl}
bildet einen Unterkörper von $ℂ$. \qed
\end{kor}
\begin{warnung}[``Algebraischer Abschluss'' und ``Algebraischer Abschluss in Oberkörper'']\label{war:ababio}%
Gegeben einen Körper $K$, werden wir später noch einen weiteren Begriff von
„algebraischem Abschluss“ diskutieren, der nicht von der Wahl eines
Oberkörpers abhängt. Ganz wichtig: diese Begriffe bitte nicht verwechseln!
\end{warnung}
%%% Local Variables:
%%% mode: latex
%%% TeX-master: "AlgebraZahlentheorie"
%%% End: